Abriss Kreissparkasse Neumarkt: Protest unter freiem Himmel

Lange bekannt, stets kritisiert und nun fällt sie wirklich: Seit dem Frühjahr laufen die Abrissarbeiten an der Kreissparkasse am Kölner Neumarkt. Einen Tag lang haben wir direkt vor dem Gebäude protestiert, diskutiert und dabei aus Reststücken der hochwertigen Natursteinfassade ein maßstabsgetreues Modell der Eckfassade gemeißelt. Als stilles Denkmal für ein Gebäude, das gerade 30 Jahre alt geworden wäre.
Im bunten samstäglichen Treiben der Kölner Innenstadt kamen wir mit vielen Menschen ins Gespräch. Die Auffassung unter den Passant*innen war eindeutig: Für dieses Gebäude ist es zwar zu spät, aber die Sinnhaftigkeit dieser Maßnahme muss ernsthaft hinterfragt werden.
Und die Frage nach der Sinnhaftigkeit stellt sich drängend: Der Neubau soll in etwa dasselbe Volumen in ähnlichem Gewand am selben Ort belegen, das verdeutlichte auch die visuelle Gegenüberstellung auf unserem Flyer. Kein Raum wird gewonnen, kein Stadtgrundriss verbessert. Was bleibt, ist ein rein ökonomisches Kalkül: Ein modernerer Bau lässt sich besser vermieten, besser vermarkten, besser finanzieren.
Dass dafür ein gerade einmal 30 Jahre altes und augenscheinlich gut erhaltenes Gebäude zerstört werden muss, ist aus baukultureller und ökologischer Sicht skandalös.
Ob der Neubau die Filigranität und handwerkliche Qualität seines Vorgängers – man denke nur an die vollständig mit Sandstein verkleidete Fassade – überhaupt erreichen kann, wagen wir zu bezweifeln. Fügt sich der Altbau angenehm in die belebte Umgebung am Neumarkt ein, versucht der Neubau das nun mühsam zu imitieren. Dass selbst die offizielle Projektbeschreibung fast beiläufig die hohe Qualität des Altbaus lobt, spricht Bände.

Vor diesem Hintergrund wirkt der in der Projektbeschreibung so vollmundig proklamierte „konsequent verfolgte Nachhaltigkeitsansatz“ schlicht grotesk. Dieses Projekt ist ein Musterbeispiel für Ressourcenverschwendung und zugleich ein Lehrstück über Nachhaltigkeitszertifizierungen, die einen Goldstandard versprechen, dabei aber offensichtlich nicht ganzheitlich gedacht sind.
Besonders geschmacklos: Zur Vorankündigung des Bauvorhabens wurden die Schaufenster mit Zitaten aus dem Kölschen Grundgesetz tapeziert. Sprüche wie „wat fott es, es fott“ spielen auf eine Alternativlosigkeit an, die nicht gegeben ist, und verharmlosen dabei die ökologische Tragweite dieser Entscheidung. Das ist kein Lokalkolorit. Das ist Zynismus mit Dialekt.
Der Abriss der Kreissparkasse zeigt einmal mehr: Wir brauchen dringend Instrumente, die Investor*innen stärker in die Pflicht nehmen. Ein Abriss darf kein reiner Verwaltungsakt sein, sondern muss hieb- und stichfeste Belege erfordern, warum ein Erhalt technisch oder ökologisch tatsächlich ausgeschlossen ist. Solche Eingriffe betreffen uns alle. Sie vernichten wertvollen Stadtraum und unwiederbringliche Ressourcen. Sie müssen gesellschaftliche Empörung hervorrufen, statt hinter Bauzäunen und zynischen Floskeln zu verschwinden.
Wir fordern ein Umdenken, das den Bestand schützt und Umbau vor Abriss stellt, bevor das nächste Stück Stadt unter dem Deckmantel der Erneuerung unnötig geopfert wird. Genau das sehen wir als zentrale Aufgabe einer zukünftigen Stadtbaudirektor*in – auch nach Brüsseler Vorbild.



